Am Anfang: ein Flügel
Ein verstimmter Flügel ist der Beginn von allem. Verstimmt durch die Zeit, genauer: durch 30 Jahre ohne Stimmer, und ohne gespielt zu werden. Der Flügel steht bei Elfriede Jelinek zu Hause; er ist Zeichen ihrer Beschäftigung mit Musik, einer lebenslangen Passion, für sie, die studierte Organistin. Sie selbst hat auf dem Flügel seit über drei Jahrzehnten nicht gespielt – aber er ist da, ein lange verstummter, verstimmter Zeitzeuge. Nun aber wurde er erweckt, gespielt – und dabei so belassen, wie er ist. Er klingt, wie er klingt: vielschichtig, schillernd, komplex, schräg, schön, in die Jahre gekommen, zeitlos und jung zugleich, irritierend und berührend. Wenn man eine einzelne Taste anschlägt, erklingt gleich ein ganzer Akkord, den die Zeit, den die Verstimmung geschaffen hat. Das Nachlassen der Spannung der Saiten, der Verfall, aber eben auch: das Entstehen von etwas Neuem, einer neuen Klanggestalt.
Elfriede Jelinek ist mit der Pianistin Marianne Schroeder befreundet. Diese hat sich jahrzehntelang vor allem mit zeitgenössischer Musik beschäftigt, mit John Cage und vielen anderen, mit Giacinto Scelsi – auch er ein Komponist von irisierenden Klangflächen, nicht der Zeit geschuldeter, sondern kompositorisch eingesetzter, mikrotonaler (Ver-)Stimmung. Marianne Schroeder hat auf dem Flügel bei Elfriede Jelinek zu Hause gespielt – und beide, Elfriede Jelinek und Marianne Schroeder, waren elektrisiert von dem Klang dieses besonderen Instruments. Aus der Faszination für dieses Instrument ist eine Zusammenarbeit der beiden entstanden: Elfriede Jelinek hat Marianne Schroeder ihren Text „AnTasten Schatten. Eurydike spielt“ geschenkt – und Marianne Schroeder wird mit diesem Text eine Uraufführung für die „Musikverein Perspektiven“ rund um Elfriede Jelinek entwickeln. Mit aufgenommenen Klängen des höchst persönlichen Flügels von Elfriede Jelinek, mit live gespielter Klavierimprovisation auf einem modernen Flügel und mit Einspielungen des Textes, gesprochen unter anderem von Elfriede Jelinek selbst.
Dieses Projekt war der Anfang des Nachdenkens über die „Musikverein Perspektiven: Elfriede Jelinek“. Der Dramaturg Claus Philipp hat Stephan Pauly, dem Intendanten des Musikvereins, und Bernhard Günther, dem Künstlerischen Leiter von Wien Modern, davon erzählt. Und die gemeinsame Idee entstand, ein ganzes Programm für ein Festival zu kuratieren, mit Konzerten und Projekten, die die Schriftstellerin aus der Perspektive ihrer Passion für die Musik zeigen. Aus der vom Flügel ausgegangenen Initialzündung entstanden mehrere Treffen mit Elfriede Jelinek, in denen über Musik geredet wurde, über Texte, über Stücke, über das Üben, Spielen und Schreiben, über Musiker:innen, Schauspieler:innen, Komponist:innen – und über den Flügel. Bernhard Günther, Stephan Pauly und Claus Philipp haben dann ein Programm kuratiert, das sich ganz um die Musik und um Elfriede Jelinek dreht. Konzerte, Text-Musik-Performances, Lied, Orgel, Ensemblemusik, eine musikalische Installation, Filme und Gespräche. Mit Jelineks musikalischen Fixsternen, mit Musik zu Texten von Elfriede Jelinek, mit einer Jahrzehnte umfassenden Reihe musikalischer und filmischer Werke von Olga Neuwirth, die sich mit Jelinek beschäftigen, und nicht zuletzt mit aktuellen Texten von Elfriede Jelinek, die an mehreren Abenden erstmals öffentlich gelesen werden.




