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Journal
In den Programmen der Musikverein Perspektiven: Elfriede Jelinek, die gemeinsam mit Wien Modern konzipiert wurden, spiegelt sich die Musikpassion der Literaturnobelpreisträgerin aus Österreich wider.

Musikverein Perspektiven: Elfriede Jelinek

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Portrait von Elfriede Jelinek
© Tommy Hetzel

Am Anfang: ein Flügel

Ein verstimmter Flügel ist der Beginn von allem. Verstimmt durch die Zeit, genauer: durch 30 Jahre ohne Stimmer, und ohne gespielt zu werden. Der Flügel steht bei Elfriede Jelinek zu Hause; er ist Zeichen ihrer Beschäftigung mit Musik, einer lebenslangen Passion, für sie, die studierte Organistin. Sie selbst hat auf dem Flügel seit über drei Jahrzehnten nicht gespielt – aber er ist da, ein lange verstummter, verstimmter Zeitzeuge. Nun aber wurde er erweckt, gespielt – und dabei so belassen, wie er ist. Er klingt, wie er klingt: vielschichtig, schillernd, komplex, schräg, schön, in die Jahre gekommen, zeitlos und jung zugleich, irritierend und berührend. Wenn man eine einzelne Taste anschlägt, erklingt gleich ein ganzer Akkord, den die Zeit, den die Verstimmung geschaffen hat. Das Nachlassen der Spannung der Saiten, der Verfall, aber eben auch: das Entstehen von etwas Neuem, einer neuen Klanggestalt.

Elfriede Jelinek ist mit der Pianistin Marianne Schroeder befreundet. Diese hat sich jahrzehntelang vor allem mit zeitgenössischer Musik beschäftigt, mit John Cage und vielen anderen, mit Giacinto Scelsi – auch er ein Komponist von irisierenden Klangflächen, nicht der Zeit geschuldeter, sondern kompositorisch eingesetzter, mikrotonaler (Ver-)Stimmung. Marianne Schroeder hat auf dem Flügel bei Elfriede Jelinek zu Hause gespielt – und beide, Elfriede Jelinek und Marianne Schroeder, waren elektrisiert von dem Klang dieses besonderen Instruments. Aus der Faszination für dieses Instrument ist eine Zusammenarbeit der beiden entstanden: Elfriede Jelinek hat Marianne Schroeder ihren Text „AnTasten Schatten. Eurydike spielt“ geschenkt – und Marianne Schroeder wird mit diesem Text eine Uraufführung für die „Musikverein Perspektiven“ rund um Elfriede Jelinek entwickeln. Mit aufgenommenen Klängen des höchst persönlichen Flügels von Elfriede Jelinek, mit live gespielter Klavierimprovisation auf einem modernen Flügel und mit Einspielungen des Textes, gesprochen unter anderem von Elfriede Jelinek selbst.

Dieses Projekt war der Anfang des Nachdenkens über die „Musikverein Perspektiven: Elfriede Jelinek“. Der Dramaturg Claus Philipp hat Stephan Pauly, dem Intendanten des Musikvereins, und Bernhard Günther, dem Künstlerischen Leiter von Wien Modern, davon erzählt. Und die gemeinsame Idee entstand, ein ganzes Programm für ein Festival zu kuratieren, mit Konzerten und Projekten, die die Schriftstellerin aus der Perspektive ihrer Passion für die Musik zeigen. Aus der vom Flügel ausgegangenen Initialzündung entstanden mehrere Treffen mit Elfriede Jelinek, in denen über Musik geredet wurde, über Texte, über Stücke, über das Üben, Spielen und Schreiben, über Musiker:innen, Schauspieler:innen, Komponist:innen – und über den Flügel. Bernhard Günther, Stephan Pauly und Claus Philipp haben dann ein Programm kuratiert, das sich ganz um die Musik und um Elfriede Jelinek dreht. Konzerte, Text-Musik-Performances, Lied, Orgel, Ensemblemusik, eine musikalische Installation, Filme und Gespräche. Mit Jelineks musikalischen Fixsternen, mit Musik zu Texten von Elfriede Jelinek, mit einer Jahrzehnte umfassenden Reihe musikalischer und filmischer Werke von Olga Neuwirth, die sich mit Jelinek beschäftigen, und nicht zuletzt mit aktuellen Texten von Elfriede Jelinek, die an mehreren Abenden erstmals öffentlich gelesen werden.

Portrait von Elfriede Jelinek an einer Orgel sitzen im Jahr 1991
© APA-Images / Magnum Photos / Ferdinando Scianna
[...] ein lange verstummter, verstimmter Zeitzeuge. Nun aber wurde er erweckt, gespielt – und dabei so belassen, wie er ist.

Elfriede Jelineks musikalische Fixsterne

Musik hat Elfriede Jelinek ihr ganzes Leben lang begleitet. Sie hat in Wien Orgel studiert und sich in ihrem literarischen Schaffen aus unterschiedlichsten Perspektiven mit Musik beschäftigt – beispielsweise in Romanen, einzelnen Texten über Komponist:innen oder Stücke oder Opernlibretti. Mozart und Wagner spielen eine wichtige Rolle – und vor allem: Schubert und Mahler, die musikalische Fixsterne für Jelinek sind. Daher stehen die „Winterreise“ von Schubert und Mahlers „Kindertotenlieder“ auf dem Programm. Große, zeitlose Liedzyklen, die Zeugen ihrer Zeit sind, von Zensur und Not erzählen, von den Schattenseiten des Menschseins, und mit denen Jelinek sich intensiv auseinandergesetzt hat. Interpretiert werden sie von Bariton Samuel Hasselhorn und von Lukas Sternath am Klavier. Ein zentraler Text von Jelinek über Schubert wird in Dialog mit der Musik treten. Und auch Musik von Olivier Messiaen darf nicht fehlen, wenn man Elfriede Jelineks musikalische Biographie beleuchten möchte: Sie selbst hat Messiaen oft gespielt, unter anderem auch in ihrer Orgelprüfung im Studium – auch diese Erfahrung hat sie in einem Text reflektiert, über ihren Orgellehrer und über Messiaens „Les Yeux dans les roues“, das in den Musikverein Perspektiven erklingen wird.

Aktuelle Texte von Jelinek – Sprache und Musik

Dieser Text für ihren Orgellehrer, in dem sie so beiläufig wie wundervoll auf den Punkt bringt, was Musik ist, ist einer von vielen, in denen Elfriede Jelinek sich über die Jahrzehnte ihres Schreibens hinweg immer wieder mit Musik beschäftigt hat. Ihr Schreiben begleitet sie Tag für Tag – sie schreibt laufend neue Texte, die sie auf ihrer Website veröffentlicht, zu Musik, zur Gesellschaft, zur Politik, zu tagesaktuellen Themen. Übrigens auch über den verstimmten, verstummten, wieder auferstandenen und neu erklingenden Flügel. Einige dieser aktuellen Texte werden im November in den „Musikverein Perspektiven“ erstmals öffentlich gelesen, an drei musikalischen Abenden, in der Begegnung von Sprache und Musik, interpretiert von namhaften Schauspieler:innen und Musiker:innen, die diese Abende gemeinsam mit dem Musikverein und Wien Modern entwickeln.

Musik mit Texten von Jelinek

Nicht nur, dass Elfriede Jelinek eine große Leidenschaft für die Musik hat – auch ihre Texte haben eine enorme musikalische Qualität, die oft beschrieben und in unzähligen Theaterinszenierungen hörbar gemacht wurde. Viele Komponist:innen haben das in den Texten von Jelinek gesehen und gehört – und haben Werke komponiert, die sich mit ihren Texten auseinandersetzen, als Libretto, in Rezitation, als Subtext, als Inspiration. Ein Konzert mit dem Black Page Orchestra stellt diese Musik in den Mittelpunkt, auch mit Uraufführungen.

Werke von Olga Neuwirth – mit und über Jelinek

Die Komponistin, die sich wohl am meisten mit Elfriede Jelineks Arbeit beschäftigt und viele Werke ge­meinsam mit ihr entwickelt und kreiert hat, ist Olga Neuwirth. Als eine der herausragenden Komponistinnen der Gegenwart gibt es in ihrem umfangreichen Gesamtwerk eine ganze Werkgruppe von Stücken, die mit Elfriede Jelinek entstanden sind, oder mit Texten von ihr. Auch Filme haben die beiden zusammen geschaffen – und mehrere musiktheatralische Werke und Opern. In den „Musikverein Perspektiven“ erklingen Neuwirths Werke für Ensemble, es werden die Filme im Filmmuseum gezeigt, und es gibt eine neue Musik-Installation von Olga Neuwirth, die von der aktuellen Oper „Monster’s Paradise“ inspiriert ist, die Olga Neuwirth auf ein Libretto von Elfriede Jelinek komponiert hat und die im Februar 2026 in der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt wurde. Im Zentrum dieser Installation von Olga Neuwirth: ein Text von Jelinek über Neuwirth – und ein Flügel. Ein selbstspielender Flügel, im Dialog mit Aufnahmen des verstimmten Flügels von Elfriede Jelinek. Damit schließt sich gewissermaßen ein künstlerischer Kreis über die Zeitläufte hinweg: Denn Olga Neuwirth hat sich mit den musikalischen Möglichkeiten des verstimmten Flügels bereits sehr früh, vor mehr als 25 Jahren beschäftigt, im Musiktheater „Bählamms Fest“ (1999). Nun nutzt sie diese klangliche Möglichkeit erneut, anders, aktuell.

 

Das Detailprogramm wird Anfang Juni 2026 veröffentlicht.

Konzerte
Ausschnitt einer Landkarte von Wien, in der der Wiener Musikverein markiert ist.
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Die Saison
25/26

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