Eine echte Künstlernatur mit der „Produktionsfähigkeit gleich einer sprudelnden Quelle“, die auf gesellschaftliche Konventionen pfeift und sich ganz der Musik widmet – so beschreiben Zeitgenossinnen Emilie Mayer. Sie selbst trägt sich mit dem Zusatz „Componistin“ in die öffentlichen Adressbücher Berlins und Stettins ein und ist eine der Ersten, die den Beruf des Komponisten bzw. der Komponistin prägt, war doch das Komponieren bis in diese Zeit in der Regel Teil anderer Berufe wie dem eines Kapellmeisters oder Kirchenmusikers.
1812 geboren und aufgewaschen in der kleinen Stadt Friedland in Mecklenburg, wo ihr Vater Apotheker war, erhält Emilie Mayer mit fünf Jahren Klavierunterricht beim lokalen Organisten. Schon bald soll sie ihre ersten Stücke komponiert haben. Nach dem Tod ihres Vaters 1840 zieht sie nach Stettin, um bei dem berühmten Kantor, Organisten und vor allem für seine Balladen bekannten Komponisten Carl Loewe Kompositionsunterricht zu nehmen. Von Anfang an pflegt sie ihren eigenen, durch formale Klarheit an der Klassik orientierten, zugleich aber in Ausdruck, Rhythmik und Harmonik in die Romantik vorausweisenden Kompositionsstil. 1847 geht sie nach Berlin und setzt ihre Studien bei Wilhelm Wieprecht und Adolf Bernhard Marx fort. In Berlin veranstaltet sie die ersten öffentlichen Konzerte mit ausschließlich eigenen Werken und komponiert ab dieser Zeit acht Symphonien – und damit mehr als die meisten ihrer männlichen Zeitgenossen.
Wie genau Emilie Mayer, die unverheiratet blieb, ihren Lebensunterhalt bestritt, ist unklar. Die Organisation von Konzerten war – zumal bei großer Orchesterbesetzung – kostspielig, und auch der Verkauf von Noten konnte nicht allzu viel Geld einbringen. Anders als andere arbeitete Mayer nicht als Musikpädagogin oder Konzertsolistin, sondern widmete sich ganz dem Komponieren.
Neben den acht Symphonien schrieb Emilie Mayer etliche Konzertouvertüren und vor allem Kammermusik, darunter einige Klaviertrios und Streichquartette. Von ihren Liedern und Klavierstücken sind nur wenige überliefert. In ihrem symphonischen Œuvre zeigt sich ihre höchst persönliche Tonsprache einmal lyrisch, dann wieder leidenschaftlich, mit fesselnden Spannungsbögen, doch nie überladen. Ihre Kammermusikwerke sind geprägt von klarer Struktur, kompositorischen Feinheiten und vielfältiger Themengestaltung. In ihren ersten veröffentlichten und dadurch erhaltenen Liedern beweist sie bereits am Beginn ihrer Studienzeit das Geschick, Klarheit und einfache melodische Mittel mit Ausdruck zu verbinden. Ihre späteren Lieder sind reichhaltiger gestaltet; insbesondere ihre zweite „Erlkönig“-Vertonung aus dem Jahr 1870 – entstanden 28 Jahre nach der ersten – steckt voller Dramatik. In den vergangenen Jahren hat Mayer wieder das Interesse der Musikwelt geweckt: Ihre Werke werden vermehrt in Konzerten gespielt, und auch die Forschung beschäftigt sich weiter mit Fragen zu Mayers Biographie und ihrem Kompositionsstil.




