Am 26. März 2027 gedenkt die Musikwelt des 200. Todestags Ludwig van Beethovens. Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien widmet dem 1792 aus Bonn nach Wien übersiedelten und von der Stadt kurzerhand vereinnahmten Zentralgestirn aller nachfolgenden Komponistengenerationen einen eigenen Programmschwerpunkt: Igor Levit spielt sämtliche Klaviersonaten, die Sächsische Staatskapelle Dresden unter Daniele Gatti die neun Symphonien, und Franz Welser-Möst dirigiert am Pult der Wiener Philharmoniker und des Wiener Singvereins die „Missa solemnis“ exakt an Beethovens Todestag.
Darüber, dass Ludwig van Beethovens kompositorisches Œuvre das Herzstück des abendländischen Musikerbes darstellt, herrscht weitestgehende Einigkeit. Sogar – oder eigentlich: vor allem – die Trias der „Zweiten Wiener Schule“, Arnold Schönberg, Anton Webern und Alban Berg, betrachtete Beethoven als den Brenn- und Mittelpunkt der Musikgeschichte.
Trotzdem bleibt Beethoven auch heute noch umstritten: Für den hochbegabten Pianisten Mihail Agranat, der 2001 in Wien viel zu früh starb, war Beethoven der Inbegriff und das Sinnbild alles Diabolischen und Verderblichen im Reich der Musik, während er Mozart zu seinem Abgott gemacht hatte. Obwohl diese Sichtweise sicher nur von sehr wenigen Menschen geteilt wird, haftet etlichen Werken Beethovens noch immer das Stigma des „Bizarren“, „Exzentrischen“ und „Gewollten“ an. Beethovens musikalischen Gedankengängen und formalen Entscheidungen verständig zu folgen ist nach wie vor eine immense Herausforderung, und die ausufernde Popularität einzelner Werke basiert zum Großteil auf vereinfachenden Missverständnissen.
Das Beethoven-Bild, das der Dichter Johann Wolfgang von Goethe in einem Brief an seine Frau (Teplice, 19. Juli 1812) zeichnet, bringt all das, was Beethoven uns als Hörenden auch heute noch aufgibt, sehr treffend zum Ausdruck: „Zusammengefaßter, energischer, inniger habe ich noch keinen Künstler gesehen. Ich begreife recht gut, wie er gegen die Welt wunderlich stehn muß.“
Unbestreitbar bleibt jedenfalls die Tatsache, dass kein einziger der ernstzunehmenden Tonschöpfer der Zeit nach Beethoven an ihm achtlos vorübergehen konnte: Ob das, wie von Johannes Brahms, als Hypothek empfunden wurde, oder, wie von Claude Debussy, als Zumutung, bleibt eine Frage des künstlerischen Naturells – und man darf annehmen, dass das Ende der Auseinandersetzung mit Beethoven mit dem Ende der Menschheitsgeschichte zusammenfallen wird.




