29. März 1827. Wien in Aufruhr, Wien in Trauer. Die Schulen hatten geschlossen. Was war geschehen? Beethoven, der Titan, war gestorben, und sein Begräbnis sollte ein Event werden. Nicht weniger als 20.000 Menschen gaben ihm das letzte Geleit. Und es sollte nicht seine einzige Beerdigung werden. Zwei Mal grub man die sterblichen Überreste später aus und wieder ein. Der Kult kannte fast keine Grenzen, auch nicht vor Skurrilitäten: Bei der zweiten Beerdigung wurden die Knochen und der Schädel vermessen, bei der dritten wollte Bruckner der Legende nach unbedingt den Schädel Beethovens berühren. Eine Anbetung fast. Als Beethoven zum dritten Mal zu Grabe getragen wurde, fand er sich in einem Metallsarg am Zentralfriedhof wieder. Den Beweis für den Kult um den Meister verwahrt die Gesellschaft der Musikfreunde in ihrem Archiv: den Schlüssel zu eben diesem Sarg.
Dem Friedhof längst entzogen, steht das Objekt aber keineswegs für ein dunkles Festivalprogramm, sondern für Kult um Komponisten, um Komponisten, die die Musik der Vergangenheit über alle Maßen schätzen, die leuchtende Beispiele der Musikgeschichte in ihren Werken zitieren, und Hommagen über andere Komponisten und ihre Werke schreiben, um ihre Verehrung zum Ausdruck zu bringen. Gleich im ersten Konzert zeigt ein hinreißendes „Ballet noir“, Bernd Alois Zimmermanns „Musique pour les soupers du Roi Ubu“, dass bei „Kult! Beethovens Sargschlüssel“ nicht das Todesschwarze dominiert, sondern Raum ist für die helle Freude. Wo stehen die kreativen Geister in der Geschichte? An wen schließen sie an? Es kann eine Last sein, wie wir seit Schubert wissen – „wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?“ –, aber auch eine Lust, so wie sie Zimmermann verspürte, als er 1966 in diesem „Ballet noir“ (ORF RSO Wien, Maxime Pascal) die Zitate nur so tanzen ließ. „Walkürenritt“ und „Gang zum Richtplatz“, montiert über Musik von Stockhausen: herrlich turbulenter Beziehungszauber! Ähnlich kühn fand Luciano Berio die Courage zur Collage, meisterlich ausgeführt in seiner „Sinfonia“ (Wiener Symphoniker, Eva Ollikainen – 07.04.2027 & 08.04.2027). Sich im Vokabular der Alten zu tummeln muss nicht Respektlosigkeit bedeuten – ganz im Gegenteil. Die Anverwandlung kann Ausdruck von Verehrung sein, wie man ebenfalls bei Berio erleben kann. In „Rendering“ verhilft er sensibel einem Symphoniefragment von Schubert zu neuem Leben (Orchester Wiener Akademie, Martin Haselböck).




