Wunderkind, „Bella Martha“, „Tigressa“ – zahlreiche Bezeichnungen wurden geprägt, um Martha Argerich zu beschreiben. Doch keiner dieser Namen wird einer Künstlerin gerecht, die sich konsequent jeder Einordnung entzieht. Mit beinahe rebellischem Geist trotzt sie den Erwartungen an ihre öffentliche Person – unbeugsam, unabhängig, unnahbar. Sie passt in keine Schublade, und jeder Versuch, sie in ein vorgefertigtes Bild zu pressen, scheitert zwangsläufig. Martha Argerich ist nicht nur eine der größten Pianistinnen unserer Zeit. Sie ist, wie ihr Lehrer Friedrich Gulda einmal sagte, „ein echtes Phänomen, das man nicht erklären kann“, „das Absolute in der Kunst“.
Die Energie, die die argentinische Pianistin auf der Bühne entfaltet, gleicht einem Naturereignis, als fließe die Musik von selbst, als könnte sie keinen anderen Weg nehmen, leicht wie ein Kinderspiel – wie damals im Kindergarten in Buenos Aires, als ein Bub behauptet hatte, sie könne nicht Klavier spielen, und sie sich, kaum drei Jahre alt, ohne zu zögern und jemals zuvor eine Taste berührt zu haben, an das Instrument setzte und nach Gehör ein Wiegenlied nachspielte, fehlerfrei.
Es sind Geschichten wie diese, die zum Mythos um Martha Argerich beitragen. Ihr erstes Konzert gab sie im Alter von sieben Jahren mit Klavierkonzerten von Mozart und Beethoven, mit elf folgte Schumanns Klavierkonzert. Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3 soll sie im Schlaf gelernt haben, während ihre damalige Mitbewohnerin das Konzert einstudierte und sich das komplexe Werk wie von selbst in ihrem Gedächtnis einprägte. Sechzehnjährig gewann sie sowohl den Klavierwettbewerb von Bozen als auch jenen von Genf, und acht Jahre später feierte sie mit ihrem Sieg beim renommierten Chopin-Wettbewerb den internationalen Durchbruch. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits eine virulente Krise hinter sich. Mit Anfang zwanzig rührte sie das Klavier zwei Jahre lang kaum an und überlegte ernsthaft, ihre Karriere zu beenden. „Ich lebte wie eine 40-Jährige, obwohl ich noch so jung war“, sagte sie später über diese Zeit, die von endlosen Konzertreisen und einer tief empfundenen Isolation geprägt war.




