Die Reihe Ihrer Fokus-Konzerte beginnen Sie am Pult des Gewandhausorchesters mit Joseph Haydns Symphonie „Der Philosoph“. Weshalb fiel die Wahl auf Haydn, und was schätzen Sie an seiner Musik?
Haydn ist einer der größten Symphoniker überhaupt, seine Bedeutung für die Entwicklung der Gattung Symphonie kann nicht groß genug eingeschätzt werden. Haydns Porträts vermitteln eine eindrucksvolle, Respekt einflößende Persönlichkeit, die er zweifellos auch war. Eine der Herausforderungen liegt darin, dass Haydns Musik viel verlangt – technisch, musikalisch, in intellektueller und emotionaler Hinsicht. Haydns Musik ist ein schmaler Grat, will man die Balance halten zwischen dem, was in der Partitur einerseits und zwischen den Zeilen andererseits steht. Haydns legendärer Humor überrascht immer wieder.
Im zweiten Programm findet sich eine Symphonie in fis-Moll, komponiert von Dora Pejačević – aus Musikvereinsperspektive ein ganz besonderes Werk, wurden doch zwei Sätze davon 1918 im Musikverein erstmals aufgeführt.
Diese Symphonie ist eine wahre Entdeckung! Wir haben sie während der Corona-Zeit in Leipzig zweimal gespielt. Der emotionale Gehalt, die musikalischen Entwicklungen und der Reichtum an Klangfarben, nicht zuletzt durch den Einsatz einer riesigen Orchesterbesetzung, machen sie zu einem wirklich interessanten Werk. Sie ist angenehm fürs Ohr und berührend, komponiert in der sehr persönlichen Sprache dieser Komponistin.
Was können wir alle in der Musikbranche tun, um mehr Komponistinnen in die Konzertprogramme zu bringen?
Es geht einfach darum, sie zu spielen und anzuhören. Es sind manchmal seltsame Gründe, die dazu geführt haben, dass Kompositionen nicht aufgeführt wurden. Wenn wir ein Konzert oder eine Oper hören oder spielen, suchen wir nach einer emotionalen oder intellektuellen oder schlicht menschlichen Erfahrung. Was zählt, ist die Tiefe der Musik, ihr Gehalt, ihre Qualität, vielleicht auch das Neuartige oder einfach die unmittelbaren Empfindungen, die die Musik hervorruft. Wir müssen in die Archive gehen und uns umsehen, aber auch in der Gegenwart. Letztendlich spielt es keine Rolle, ob ein Werk von einer Frau oder von einem Mann komponiert wurde.




